Unabänderlich (Ausschnitt)
…
Am nächsten Abend wartete ich ungeduldig auf Karl, immer wieder schaute ich nervös zur Eingangstür. Ich war so fahrig, dass ich zwei Gläser von der Bar fegte. Meine Stimmung war auf dem Nullpunkt angelangt, ich war niedergeschlagen. Glasscherben bringen eben kein Glück, dachte ich, als ich die Bar verließ.
Da sah ich ihn stehen. Angelehnt an sein Auto. Lächelnd, zum ersten Mal. „Hallo Kathrin, wie geht’s dir, darf ich dich nach Hause fahren?“, fragte er mit der schönsten Stimme der Welt und ob ich vorher noch auf einen Drink in seine Wohnung mitkommen wolle. Oh ja, ich wollte. Sehr. Trotzdem war mir etwas mulmig dabei. Auf was für ein Abenteuer ließ ich mich ein? Ich schwankte zwischen Misstrauen, Neugier und noch undefinierbaren Gefühlen. Vielleicht war er gefährlich, vielleicht würde er mich vergewaltigen? Oder gar ermorden? Zu spät. Wir betraten seine Wohnung. Eine unmögliche Wohnung, total spießig. Die Möblierung war Nachkriegszeit, Nierentisch, Sofakissen mit Osterhasenknick in der Mitte, Anrichte aus dunkler Eiche, beleidigend unpersönlich und altmodisch. Ich war irritiert. ’Nein, er kann sie nicht selbst eingerichtet haben’, redete ich mir ein. Als er mir einen Drink reichte, ging meine Fantasie mit mir durch. Was war, wenn er Gift oder ein Schlafmittel hineingetan hatte? ’Ach, Blödsinn!’ Sicherheitshalber tat ich nur so, als würde ich trinken. Wieder schaute er mir lange in die Augen. Sein Schweigen machte mich langsam krank, ich hielt es nicht mehr aus. „Wer bist du, was willst du von mir?“, fragte ich gereizt. „Warum starrst du mich so an?“
Er blieb sich treu, antwortete nicht. ’Also wenn das so weitergeht, werde ich Jahre brauchen, nur, um seinen Nachnamen zu erfahren’, ärgerte ich mich. Aber das änderte sich schneller, als mir lieb war. Plötzlich ging er zu der Anrichte, kramte in einer Schublade, setzte sich neben mich, stopfte etwas in den Ausschnitt meiner Bluse und sah mich erwartungsvoll an. Ich war so perplex, dass ich nur mit einiger Verzögerung reagieren konnte, um das papierne Zeug in meiner Bluse wieder herauszubefördern. Ich traute meinen Augen nicht. Es waren Geldscheine! In meinem Kopf brach ein Chaos aus, tausende Gedanken wirbelten durcheinander, auf das Naheliegende kam ich nicht. Ich wurde wütend, warf die Scheine in sein Gesicht und gab ihm eine Ohrfeige, gleichzeitig erschrak ich über meine heftige Reaktion. Nun war alles vorbei, sicher würde er mich jetzt rausschmeißen.
Er nahm es hin, schaute mich nachdenklich an. „Es geht nicht mit dir. Oder war es nicht genug Geld?“
„Was soll das denn werden?“, fragte ich entsetzt.
„Tu doch nicht so, jede Frau ist käuflich, es kommt nur auf den Preis an.“ Seine Stimme klang jetzt zynisch und kalt.
Ich erschrak zutiefst und bekam Angst, plötzlich stand ein völlig anderer Mensch vor mir.
„Tut mir leid, vergiss es bitte“, sagte er dann beschwichtigend und beinahe sanft. „Es war nur ein Versuch. Ich bin Zuhälter. Ich habe gedacht, dass du mein ’Mädchen’ werden könntest, du gefällst mir.“
Er sagte das, als wäre es das Normalste der Welt. Ebenso gut hätte er sagen können, ich soll Brötchen für ihn verkaufen. Das war alles zu viel für mich, ich wollte nur noch weg.
„Bitte, bleib noch einen Moment, du brauchst keine Angst zu haben, ich tu’ dir nichts“, setzte er hastig nach. Es klang ehrlich.
Ich musste verrückt sein. Ich blieb. Was ein Zuhälter ist, wusste ich nicht so genau, aber ich spürte, dass ich mich in Gefahr befand. Warum ergriff ich also nicht die Flucht? Doch nun war es ohnehin schon zu spät, wenn er gewollt hätte, wäre ich ihm ausgeliefert gewesen. Jetzt musste ich alles wissen. Möglicherweise war er gewalttätig – was ich mir einfach nicht vorstellen konnte – und wie lebte jemand wie er? Glücklich schien er jedenfalls nicht zu sein.
“Warum tust du das, das passt überhaupt nicht zu dir?“, fragte ich vorwurfsvoll.
Karl zündete sich nachdenklich eine Zigarette an und sog den Rauch tief ein. Es schien ihm schwer zu fallen, Worte zu finden.
„Ich war im Bau. Bin erst seit einer Woche wieder draußen. Ich hatte eine Kneipe auf St. Pauli, auf der Reeperbahn. Es hat ’ne Schießerei gegeben. Ich wollte einem Freund helfen, hab’ auch geschossen und jemanden verletzt. Fünf Jahre hab’ ich gesessen und alles verloren, auch mein Mädchen.“ antwortete er nüchtern. Der spröde Ton seiner Stimme verriet jedoch seine Erregung „Jetzt versuche ich, neu anzufangen, meine Freunde helfen mir dabei.“
„Fünf Jahre Gefängnis, oh Gott, das ist eine Ewigkeit“, erwiderte ich betroffen und begriff endlich diesen leeren Blick seiner Augen. Wie oft konnte ein Mensch in dieser Zeit gestorben sein, was war noch von ihm übrig? Ich bekam Gänsehaut. „Und warum willst du ausgerechnet mit mir neu anfangen?“
„Ich weiß nicht.“ zuckte er mit den Schultern. „Vielleicht … weil ich sentimental bin? Schau mich nicht so an, auch Zuhälter haben Gefühle.“ Ein bitteres Lächeln erreichte mich.
Ich war verwirrt, kämpfte gegen meine Enttäuschung an. „Aber wie kann man es fertig bringen, seine Freundin auf den Strich zu schicken?“
„Das verstehst du wahrscheinlich nicht. Wenn eine Frau bereit ist, so etwas für einen Mann zu tun, beweist sie, dass sie ihn wirklich liebt. Sie verkauft ja nur ihren Körper, nicht ihre Seele.“
„Eine merkwürdige Philosophie.“ stellte ich verblüfft fest. “Glaubst du wirklich daran? Wo ist der Beweis, dass du sie liebst? Nein, das nehme ich dir nicht ab. Eine Frau soll also mit anderen Männern schlafen, für Geld, damit du nicht arbeiten musst und nur so kann sie dir zeigen, dass sie dich liebt? Du bist ja völlig verkorkst! Bitte, hör auf damit.“, flehte ich fast. „Du könntest neu anfangen, einen … normalen Job finden, wir könnten …“, ich wusste nicht mehr weiter.
„Vielleicht hast du Recht.“ sagte Karl deprimiert, nach langem Schweigen. – „Es ist besser, ich fahre dich jetzt nach Hause.“
Mir war zum Heulen. Ich wollte die Situation nicht akzeptieren, nahm ihn in meine Arme und küsste ihn. Verdammt! Er hatte mich völlig durcheinander gebracht.
Es wurde gerade hell, als er mich am Ufer der Alster entlang nach Hause fuhr. Bäume tauchten gespenstisch aus dem Morgennebel auf und verschwanden wieder im Nichts. Jetzt waren wir beide wortlos, jeder fühlte sich in seiner Welt gefangen. Wir saßen noch eine Weile schweigend im Auto vor meiner Haustür. Aus weiter Ferne hörte ich ihn fragen: „Darf ich dich trotzdem wiedersehen? Nur so, zum Reden.“
…